Hört auf zu kämpfen!

hört auf zu kämpfen

Wie unsere Sprache Frieden verhindert

 

„Wir kämpfen um Europas Zusammenhalt.“ Die Grünen

„Wir kämpfen für Frankreich“ Emmanuel Macron

„Fasten im Kampf gegen den Krebs“ n-tv

„Wir kämpfen weiter, bis die Diktatur besiegt ist!“ ein Student, der in Nicaragua protestiert

„Angelique Kerber muss kämpfen“ Ad Hoc News

„Wir kämpfen, um Männern zu zeigen, dass wir gleichwertig sind“ Stipendiatin aus Saudi Arabien

„Wir kämpfen weiter“ Kevin Kühnert, Juso-Vorsitzender

„Engagement gegen rechts. Bestseller-Autoren kämpfen für die offene Gesellschaft“ Frankfurter Neue Presse

„Wir wollen und müssen für eine Gesellschaft kämpfen, in der alle Geschlechter befreit sind!“ Feministische Kampagne

„Wir sind wütend und sind willens, für Demokratie zu kämpfen“ Demonstrant in Hongkong

„Kampf gegen Hacker“ Deutschlandfunk

„Kampf gegen wilde Müllkippen“ NDR

Ich hör ja schon auf!

 

Denn ich kann es, ehrlich gesagt, nicht mehr hören. Die Worte „kämpfen“ und „Kampf“ fallen in der Öffentlichkeit – und auch im Privaten – immer häufiger, so scheint es mir. Gegen und für alles und jeden wird gekämpft. Ich frage mich: warum nur?

 

Wer im Duden nachschlägt, findet folgende Einträge für die Bedeutung von „Kämpfen“:

1. mit Waffen, unter Einsatz der verschiedensten Kampfmittel einen Kampf, eine kriegerische Auseinandersetzung führen
2.
1. sich handgreiflich mit jemandem auseinandersetzen; tätlich gegen einen Gegner vorgehen, um ihn zu bezwingen
2. sich (mit den verschiedensten Mitteln) heftig mit einem Gegner auseinandersetzen, streiten; im Kampf mit jemandem stehen
3.
1. (Sport) sich in einem sportlichen Wettkampf mit einem Konkurrenten, Gegner messen
2. (Sport) sich in einem sportlichen Wettkampf, in einem Spiel körperlich voll einsetzen
4. sich unter Einsatz aller Kräfte, der verschiedensten Mittel fortgesetzt bemühen, etwas Bestimmtes zu erreichen
5. innerlich um eine Entscheidung, einen Entschluss ringen
6. einen Weg, eine Strecke unter widrigen Umständen, unter großer Mühe zurücklegen

 

Man sieht, dass die Hauptbedeutung des Verbes „kämpfen“ ganz klar kriegerisch ist. Es werden Waffen eingesetzt und Gegner werden bekämpft. Und immer geht es um vollen Einsatz, alle Kräfte und große Mühe. Leicht ist kämpfen also nie! Das Ziel heißt: Sieger sein.

 

Doch wenn einer siegt, dann verliert jemand anderes, korrekt? Zurück bleiben Opfer: Enttäuschte, Erniedrigte, Blamierte, Traurige, Traumatisierte, Verletzte, Geschändete, Tote, Mittellose, Hungernde, Arme.

 

Ist es also richtig und schlüssig, für Dinge zu kämpfen, die grundsätzlich zu einem positiven Ergebnis führen sollen, also zu Gesundheit, zu einem positiven Spielausgang, zu einem besseren Miteinander, zu Gleichberechtigung, Sicherheit, Demokratie, Freiheit, Liebe und Frieden?

Oder ist das absurd, irrational oder gar heuchlerisch?

 

„Kein Wort kann außerhalb von Frames gedacht, ausgesprochen und verarbeitet werden. Wann immer Sie ein Wort hören, wird in Ihrem Kopf ein Frame aktiviert.“

Elisabeth Wehling, Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin, Universität von Kalifornien, Berkeley

 

Elisabeth Wehling kennt sich aus mit „Framing“, besonders im politischen Umfeld. In Ihrem Buch „Politisches Framing Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ zeigt sie unter anderem auf, wie durch das Setzen von sprachlichen Deutungsrahmen eine Debatte in eine bestimmte Richtung gelenkt werden kann. Wer das weiß, kann zum Beispiel Wahlen damit beeinflussen. Und das findet tatsächlich statt, häufig unter Einsatz von viel Geld.

Was genau ist Framing?

 

In einem Interview mit dem Tagesspiegel erklärt Wehling es so:

„In unserem Kopf ist unser gesamtes Wissen über die Welt abgespeichert. Wenn ich zum Beispiel sage „Hammer“, wird nicht nur das Bild eines Hammers aufgerufen, sondern das Gehirn simuliert auch die zugehörige Armbewegung. Immer, wenn mein Denkapparat ein Wort verarbeiten muss, ruft er diese Muster auf, sonst kann er Wörtern keine Bedeutung zuschreiben.

 

In der Politik ist zum Beispiel oft die Rede von einer „Flüchtlingswelle“. Dann ruft das Gehirn das Konzept von „Flüchtling“ und „Welle“ auf. Eine Welle ist groß und bedrohlich. Jeder von uns ist wohl schon einmal von einer Welle umgehauen worden. Die Menschen, die zu uns kommen, werden so automatisch als eine Bedrohung gedacht, die eine Abschottung nahelegt.“

 

Weitere Begriffe, die aktuell häufig genannt werden, sind: Asyltourismus, zurückweisen, linksgrünversifft, Steuerlast. Auch Begriffe wie: abschieben, Mindestlohn, Steueroase, Obergrenze, Klimawandel werden inflationär genutzt. Und wir alle machen mit!

Es geht auch ohne kämpfen!

 

Zu all diesen Begriffen ruft unser Gehirn blitzschnell Bilder auf, ob wir wollen oder nicht. Dasselbe passiert auch mit den Wörtern „Kampf“ und „Kämpfen“. Selbst wenn man für eine gute Sache kämpft, ruft unser Gehirn Bilder von Gewalt auf. Die Folge kann Gegengewalt sein – und das ist doch nicht das, was wir wollen! Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!

 

Natürlich soll das nicht bedeuten, dass man sich bestimmten Entwicklungen oder Bedingungen einfach unterwirft und nichts dagegen tut. Es soll heißen, dass man sich sprachlich anders damit auseinandersetzt und so ein positives Framing erzeugt. Das ist gar nicht so schwierig. Statt „kämpfen“ kann man zum Beispiel folgende Begriffe nutzen:

 

(sich) einsetzen (für) · (sich) bemühen (um) · eintreten für · (sich) engagieren · (ein) gutes Wort einlegen (für) · Partei ergreifen (für, gegen) ·(sich) starkmachen (für) · (etwas) tun für · werben (für)

 

Und natürlich sollte man das, was man sagt, auch tun. Denn nur dann ist man glaubwürdig!

 

Machst du mit?

-fragt deine Kommplizin Gaby Feile

 

PS: Lydia Krüger hat entdeckt, wie viele Begriffe aus dem Militär in unserer Sprache vorkommen. Das ist sehr unterhaltsam zu lesen, wenn es nicht so ernst wäre.

 

Über die Kommplizin:

Sprache ist für Gaby Feile schon immer ein wichtiger Teil ihres Lebens. Sie zückt den Stift, wenn sie Rechtschreibfehler findet und zuckt zusammen, wenn Menschen eine verrohte und zerstörerische Sprache nutzen. Es gelingt ihr immer besser, selbst positive „Frames“ zu setzen.

Mehr über Gaby Feile

 

Berührt euch!

Umarmungen sind in. Beruehrt euch

Umarmungen sind in – und tun gut!

 

Ist es dir schon aufgefallen? Bussis sind out. Zumindest die, die sich Menschen zur Begrüßung oder zum Abschied auf oder an die Wangen gegeben haben. Besonders häufig kam das in München vor, man sprach dort von der Bussi-Bussi-Gesellschaft. Und das war nicht immer nett gemeint.

 

Sei einiger Zeit hat sich das mit den Bussis deutlich gelegt, und das finde ich gut. Frauen, Männer, Junge, Alte, Promis, Normalos, Leute von hier und Leute von woanders – sie alle umarmen einander viel häufiger als früher. Sogar im Fernsehen und viel ungenierter, unkomplizierter und auch herzlicher.

 

Am innigsten und sichtbar für die ganze Welt hat das die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović bei der Siegerehrung der Fußball-WM in Russland getan. Sie herzte alle: von den Schiedsrichtern über ihre leider unterlegenen kroatischen Nationalspieler bis hin zu den französischen Weltmeistern. Das steckte sogar Emmanuel Macron, den französischen Präsidenten, an und er tat es ihr gleich.

Grund zur Freude

 

Mir gefällt diese Entwicklung, und sie macht mir Hoffnung. Konkret hoffe ich, dass dies ein erstes, unspektakuläres Zeichen ist, dass sich Menschen wieder mehr einander zuwenden. Weg von ihren Smartphones und Bildschirmen, wo Zuneigung in kalten Zahlen gemessen wird, nicht in warmen Begegnungen. Hin zu den Menschen in ihrer Umgebung und dem, was diese wirklich bewegt.

 

Es ist faszinierend und für manchen vielleicht unglaublich, aber wir Menschen sind mit einer Menge sehr hilfreicher Merkmale ausgestattet, die von Geburt an ziemlich gut funktionieren. Man braucht kein technisches Gerät dafür, keinen Stecker, keine Batterien und auch keinen Algorithmus, der alles für uns misst und auswertet.

 

Wir können sehr viel – einfach weil wir Menschen sind.

Was wir zum Beispiel können: Emotionen non-verbal ausdrücken

 

Ein Experiment des Teams von Professor Dacher Keltner an der Universität von Kalifornien in Berkeley zeigte das sehr beeindruckend: Sie bauten eine Barriere zwischen zwei fremden Personen auf. Eine Person steckte ihren Arm durch eine Öffnung in der Barriere und die andere Person sollte Emotionen mit einer 1-sekündigen Berührung auf dem Arm des anderen ausdrücken. Die andere Person musste die Emotion erraten.

 

Nur 8 % der gesamten Emotionen wurden korrekt erraten. Aber jetzt kommt’s: Dankbarkeit, Wut, Liebe und Angst erkannten die Probanden in mehr als der Hälfte der Fälle. Mitgefühl wurde sogar in über 60 % der Fälle korrekt erraten. Und das alles mit einer kurzen Berührung.

Wer sich berührt, gewinnt

 

Das Team um Dacher Keltner hat noch etwas anderes zum Thema Berührungen erforscht. Eine Saison lang haben sie  Spiele der Amerikanischen Basketball-Liga beobachtet und gezählt, wie oft sich die Spieler während der Spiele berührt haben. Meist klatschten sie sich ab, boxten ihre Fäuste zusammen oder gaben sich einen Klaps auf Schulter oder Rücken. Auch lockere Umarmungen kamen vor.

 

Was heraus kam, war erstaunlich: Die Teams, deren Spieler sich am häufigsten berührten, waren am erfolgreichsten – sportlich, menschlich  und wirtschaftlich. Schau hier einen kurzen Film an, wenn du mehr über das Experiment wissen willst:

 

Was heißt das also?

 

Berührungen sind eine sehr wirksame Form der Kommunikation. Sie können sehr ermutigend sein, und Menschen sind offen dafür, etwas gut zu machen, wenn sie vorher kurz berührt werden. Ein kurzer Griff auf den Arm oder die Schulter reicht übrigens, man muss also keine KollegInnen „unsittlich“ anfassen. Ziemlich einfach: jemandem die Hand reichen, zum Beispiel zur Begrüßung oder bevor er oder sie eine Präsentation hält oder in ein Kundengespräch geht.

 

Und noch was: Das Südkoreanische Nationalteam hat vor dem WM-Spiel gegen Deutschland lange im Kreis gestanden und sich gegenseitig angefeuert. Alle legten die Arme umeinander, auch das erweiterte Team (man nennt das „group hug“). Von der deutschen Mannschaft habe ich das dieses Mal nicht gesehen. Ob das wohl was geändert hätte? Wahrscheinlich schon,

 

vermutet deine Kommplizin Gaby Feile

 

PS: Wenn ich jemanden auf der Bühne präsentiere oder die Leute vorher darauf einstimme, setze ich Berührungen mittlerweile ganz bewusst ein. Es wirkt!

 

Über die Kommplizin:

Gaby Feile hat ein Gespür für Entwicklungen – und für Menschen. Und findet, dass wir uns auf das besinnen sollten, was wir können. Es wirkt nämlich.

Mehr über Gaby Feile

 

Wie es ist, Visionen zu haben

Wie es ist, Visionen zu haben

 

Ich schaue in leere Gesichter, suche irgendwo nach einem Zeichen der Zustimmung, finde keines und gebe schließlich auf! „Lächeln, Gaby, lächeln!“ ermuntere ich mich innerlich.

 

Das ist gar nicht so leicht. Denn wieder einmal fühle ich mich wie von einem anderen Stern. Dabei rede ich deutsch (manchmal zu schnell), kann mich meistens klar ausdrücken und bin auch ansonsten eine Person, die mit anderen Menschen bestens klar kommt.

 

Wenn, ja wenn da nicht meine überbordende Energie wäre, mein nicht enden wollender Drang nach Neuem, meine Angewohnheit, den „Elefanten im Raum“ anzusprechen – kurzum: meine Visionen!

 

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, sagte der einstige Bundeskanzler Helmut Schmidt. Und ehrlich gesagt: da war ich schon. Hat nicht geholfen.

 

Eigentlich ist es ja nur eine Vision, die ich habe. Die von einer besseren Welt. Einer Welt, in der Menschen friedlich zusammen leben, füreinander einstehen, behutsam mit der Natur umgehen und Macht und Konkurrenz, wenn überhaupt, nur positiv vorkommen.

 

In dieser Welt geht es nicht darum, viel Geld, viele Titel und viele Statussymbole zu sammeln. In dieser Welt geht es vielmehr darum, unsere wahren Aufgaben zu erfüllen:

 

Das zu tun, wofür wir gemacht sind. Und so zu sein, wie wir gedacht sind.

Wie das gehen soll

 

Ideen, wie so was geht, kommen zu mir in etwa so oft wie zu anderen Leuten Whatsapp-Nachrichten. Und viele davon habe ich schon umgesetzt. Andere nicht. Denn das geht alleine nicht so leicht. Wenn man sich zusammen tut, wird’s besser. Aber dafür muss man darüber sprechen.

 

Und damit sind wir wieder am Ausgangspunkt: fragende Gesichter.

 

Wer visionär unterwegs ist und sich vieles vorstellen kann, der ist oft ein Außenseiter. Verrückt, krank, unrealistisch, idealistisch – all das wird man genannt. Und warum? Weil man ausspricht, was andere nicht mal denken.

 

Im Mittelalter wäre ich wahrscheinlich als Hexe verbrannt worden. Und im letzten Jahrhundert auf offener Straße erschossen.

Warum es nicht anders geht

 

Ja, man lebt mit einem gewissen Risiko, wenn man nicht ins Schema passt. Viele Menschen mögen Abweichungen nicht – und auch nicht diejenigen, die sie verursachen. Sie wollen gerne Ordnung und Sicherheit.

 

Und wenn sie sich gerade gut darin eingerichtet haben, kein Feind in Sicht ist und auch sonst alles rund läuft, dann ist eine, die sagt, wir müssen was ändern, einfach nicht beliebt. Überhaupt nicht. Zumindest nicht sofort.

 

Das Dilemma: Ich bin schon so auf die Welt gekommen, bin also so gemacht. Und das hat einen Grund, da bin ich sicher.

 

Zum Arzt muss ich also nicht, weil ich Visionen habe. Sondern, weil ich sie nicht wahr mache. Unterdrückte Neigungen sind auf Dauer einfach nicht gesund.

 

Das heißt: ich werde weiterhin Leuten erzählen, was ich mache, wie ich das mache und – besonders wichtig –  warum (weil ich nämlich glaube, dass alles, was als „normal“ gilt, die Welt kein bisschen besser macht).

 

Und ich werde weiterhin in reglose Gesichter blicken, auf gerunzelte Stirnen und auf verunsicherte Körper. Aber: ich halte durch, denn immer wieder sehe ich auch ein Funkeln, ein Lächeln und eine positive Geste.

 

Und wenn diese Menschen auf mich zu kommen, passiert etwas: Unsere Visionen verbinden sich – und die Welt wird besser!

 

Das ist magisch

 

– schwärmt deine Kommplizin Gaby Feile

 

PS: Ich glaube Goethe würde wissen, wovon ich rede. Er sagte einmal:

 

„Was keiner wagt, das sollt ihr wagen. Was keiner sagt, das sagt heraus. Was keiner denkt, das wagt zu denken. Was keiner anfängt, das führt aus.“

 

Über die Kommplizin:

Gaby Feile kann’s nicht ändern. Sie ist eine Visionärin – und das ist gut so. Und endlich ist sie auch Unternehmerin – in echt. Wie das so ist, steht hier.

Mehr über Gaby Feile

 

Ist das Digitalisierung oder kann das weg?

Digitalisierung

Warum ich kein Datensatz sein will!

 

Sie häufen sich in letzter Zeit: Die E-Mails, die im Betreff „Irgendwas mit Datenschutz“ stehen haben. Dank der neuen Datenschutzverordnung (DSGVO), die seit 25. Mai 2018 in der EU gilt, besinnen sich plötzlich viele Unternehmen und Personen darauf, dass es Menschen sind, mit denen sie zu tun haben. Und teilen diesen mit, dass ihnen der Schutz ihrer Daten schon immer wichtig war und sie froh und dankbar über die verbesserten Regeln sind?!

 

Ich kriege also eine Menge wohlformulierter E-Mails, in denen die Absender ihre Seriosität und ihre guten Absichten darstellen. So schön sind die anderen E-Mails, ehrlich gesagt, nie formuliert, die sie mir – nicht selten ungefragt – schicken. In denen geht es immer nur darum, was sie Tolles machen und wo ich kaufen oder mich anmelden kann!

Wann warst du das letzte Mal in einer Bank?

  

Ich habe in den 1990ern eine Bankausbildung gemacht und auch eine Weile in dem Beruf gearbeitet. Damals gab es schon Geldautomaten, Kontoauszugsdrucker und SB-Terminals, später kam mit dem Internet das Online Banking. Die Anweisung an uns Mitarbeiter hieß immer: bitte bringt so viele Kunden wie möglich dazu, ihre „nervigen“ Aufträge, die sie sonst am Schalter anfragen, selbst zu erledigen. Auch eine Form der Digitalisierung.

 

Was man übersehen hatte: Als die Kunden nicht mehr in die Bank kamen, verschwanden die Gelegenheiten, um mit ihnen persönlich zu sprechen. Man erfuhr sonst viel in den Begegnungen mit Kunden, und es gab häufig Gelegenheiten, ein Geschäft zu machen. Wir haben zum Beispiel, obwohl der Kunde nur kam, um Geld abzuheben, Geldanlagen verkauft. Nämlich dann, wenn wir beim Prüfen des Kontostandes sahen, dass dort eine große Summe Geld lag.

 

Die einfache Frage: „Was haben Sie denn mit dem Geld vor, das auf Ihrem Konto so unverzinst liegt?“ eröffnete das Verkaufsgespräch. Sehr oft sagten die Kunden, sie brauchen es aktuell nicht. Und so machten wir daraus ein Festgeld oder eine längerfristige Anlage – bei der es für den Kunden mehr Zinsen gab. Und an der die Bank natürlich Geld verdiente. Das dauerte manchmal nur 3 Minuten und ging ganz nebenbei.

 

Gut: heute gibt es keine Zinsen für Guthaben und die Aufklärung über Geldanlagen muss selbst bei risikoarmen Produkten sehr umfangreich dokumentiert werden. Trotzdem: weil die Chance, mit Kunden direkt ins Gespräch zu kommen, kaum noch gegeben ist, werden Kampagnen gefahren und Kunden müssen mühsam angerufen werden um mit ihnen Termine auszumachen. Natürlich mit Hilfe von individuellen Zielen, die gemessen werden.

Ohne Kontakt – kein Vertrauen

 

Warum erzähle ich das so lang und breit? Weil es eines deutlich macht: Menschen brauchen Vertrauen, wenn sie Entscheidungen treffen. Und das nicht nur bei Bankgeschäften, sondern generell bei allem, was über den Kauf einer Briefmarke hinaus geht. Vertrauen lässt sich am besten bilden, wenn man persönlichen Kontakt zu Menschen hat. Man spürt, ob man jemandem vertrauen kann, auch wenn jeder Mensch unterschiedlich viel Zeit dafür braucht.

 

Vertrauen zu einem Algorithmus oder zu einer künstlichen Intelligenz aufzubauen, klingt dagegen irgendwie komisch. Und ich bezweifle, dass es Roboter mit menschlichen Zügen, Gesten und Mimik rausreißen, auch wenn sie mittlerweile sogar „Gefühlsregungen“ zeigen können. Warum programmiert man so was, wenn das Original doch mannigfaltig verfügbar ist?

Ich bin ein Mensch – kein Datensatz

 

Vor kurzem suchte ich nach einem Fahrradanhänger. Und siehe da, ich fand ein Unternehmen, das sogar in meiner ursprünglichen Heimatstadt seinen Sitz hat. Es ist ein Online-Shop, aber es gibt eine Hotline, bei der man anrufen kann. Der Mitarbeiter dort wird mit Bild vorgestellt. Also entschied ich mich, ohne weiter zu suchen, meinen Anhänger dort zu bestellen. Ich hatte Vertrauen.

 

Weil ich vorhatte, in die Heimat zu reisen, rief ich an und fragte, ob es möglich ist, den Anhänger persönlich abzuholen. Der Mitarbeiter sagte mir das zu und bat mich, bei der Online-Bestellung anzugeben, wann ich vorbeikomme (er konnte meine Bestellung leider nicht aufnehmen, das geht nur übers System). Ich bestellte also und wählte bei der Zahlungsart „Rechnung“. Ich hätte auch bar bezahlt vor Ort, aber diese Option gab es nicht.

 

Ein paar Stunden später erhielt ich eine E-Mail von dieser Person, die sinngemäß sagte, dass es leider nicht geklappt hat mit der gewünschten Abholung. Das Paket sei schon im Versand und wird geliefert. Ich war entsetzt, denn ich war ja nicht zu Hause und konnte das Paket nicht annehmen. Also rief ich wieder an und bat darum, das nochmals zu ändern.

 

Die Antwort lautete: „Das geht leider nicht, unser System ist darauf nicht eingerichtet. Hätten Sie eine andere Zahlungsart gewählt, wäre es (vielleicht) gegangen. Und wenn Sie das nicht wollen, dann dürfen Sie halt nicht im Internet bestellen!“

 

Wumm! Jetzt hatte ich genug. Ich widerrief meine Bestellung und verursachte dadurch einen Rücktransport.

 

Ich frage mich:

 

Wozu gibt es einen Kundenservice, wenn er keinen Service bietet, sondern sich alle dem System und der Technik unterordnen müssen, vor allem die Kunden?

Ist das wirklich ein Fortschritt? Oder ist das Bevormundung?

 

Als potenzielle Kundin fühlte ich mich jedenfalls ziemlich mies behandelt. Auch schon vor der Bestellung wurden meine Fragen sehr arrogant und belehrend beantwortet.

Digitalisierung und Kundenzentrierung

  

„Ja, aber…“ sagen jetzt vielleicht die Techies, „durch das (digitale) Sammeln von Daten ist es doch möglich, die Kunden „wirklich“ kennen zu lernen. Das ist eine gute Sache, denn Algorithmen wissen oft mehr über uns als wir selbst. Und dadurch kann man maßgeschneiderte Werbung liefern!“

 

Ich will aber keine maßgeschneiderte Werbung! Ich will gar keine Werbung! Wenn überhaupt, dann will ich Informationen und Beratung – dann wenn ich so weit bin, nicht dann, wenn eine künstliche Intelligenz glaubt, zu wissen, wann ich es brauche. Beratung ist heutzutage allerdings kaum noch zu kriegen. Alle halten sich alles offen, ob in der Bank, beim Arzt oder im Online-Shop. Das wäre mal etwas, das den Kunden wirklich hilft und sie in den Mittelpunkt stellt.

Ihr kennt mich nicht!

 

Eines will ich klarstellen: Nur weil ihr so viele Daten von mir habt, heißt das nicht, dass ihr mich kennt. Ihr wisst nicht, warum ich bestimmte Dinge (nicht) tue, habe, brauche oder weiß. Ihr glaubt nur zu wissen, wie ich ticke, weil ihr mich mit euren eingeschränkten Schablonen in ein Muster presst. Ihr schließt von vielen anderen auf mich. Ihr macht mich zu einem Schaf in der Herde – einem weißen wohlgemerkt.

Und wenn ich schwarz bin?

 

Über die Kommplizin:

Gaby Feile ist nicht per se gegen die Digitalisierung. Sie findet aber, dass man die richtigen Dinge digitalisieren sollte. Und die dadurch gewonnene Zeit dafür nutzen sollte, unsere menschlichen Eigenschaften wieder einzusetzen: Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Interesse, Kreativität, Intuition, Humor und vieles mehr.

Mehr über Gaby Feile

 

Neue Regeln braucht die Welt!

Neue Regeln braucht die Welt!

 

Ich breche gerade meine eigene Regel. Nämlich die, dass ich nur positiv formulierte Inhalte veröffentliche und niemals motze.

Warum ich das tue? Weil ich wütend bin!

 

Und das schon ziemlich lange. Ich bin wütend darüber, wie wir uns Regeln unterwerfen, die gar keine sind. Und sie als Ausrede nutzen, warum wir ein mittelmäßiges und wenig nachhaltiges Leben führen und mit den Achseln zucken, wenn wir gefragt werden, warum wir das nicht ändern.

Spielregeln sind dafür da, eingehalten zu werden?

 

Vor einigen Wochen nahm ich an einer Veranstaltung teil, der Agile Game Night. Regelmäßig werden dort Spiele vorgestellt und gespielt, die man in agilen Organisationen (und auch sonst) einsetzen kann. An jenem Abend spielten wir das Spiel „Die Werwölfe von Düsterwald“ , eigentlich ein Partyspiel, das mit seiner Dynamik aber gut auf die Arbeitswelt übertragen werden kann.

 

In einem Dorf schlagen die Werwölfe jede Nacht zu und töten – wahllos – einen Bewohner. Die Nacht wird dabei durch ein Schließen der Augen aller Teilnehmer simuliert, alle „Taten“ erfolgen stumm. Die Überlebenden haben jeden Morgen die Chance, jemanden aus ihrer Runde auszuschließen, von dem/der sie glauben, ein Werwolf zu sein.

 

In der anschließenden Retrospektive konnte ich mich nicht zurückhalten und fragte, was passiert wäre, wenn wir alle die Augen geöffnet hätten, während die Werwölfe nachts zur Tat schritten. So hätten wir die Misere einfach und fix lösen können.

 

So schnell konnte ich mich gar nicht ducken, wie heftig die Reaktionen auf mich einprasselten: Natürlich muss man sich an Regeln halten, im Spiel sowieso, sonst hat das Spielen keinen Sinn. Aber auch im Leben geht es doch darum, Regeln einzuhalten, damit das Zusammenleben funktioniert. Neue Regeln oder gar keine Regeln führen nur zu Chaos.

 

Die Spielleiter beschwichtigten die Gemüter und wir schlossen damit ab, dass Regeln dann gerne eingehalten werden, wenn sie sinnvoll sind und man versteht, wozu sie gut sind.

Wer macht die Regeln, nach denen wir leben?

 

Die Politik schon lange nicht mehr. Sie spielt nach den Regeln der Wirtschaft. Diese findet Wege, wie sie immer mehr Geld verdient, indem sie zum Beispiel weniger Inhalt in Packungen füllt, noch günstigeres oder giftigeres Plastik verwendet, die Produktion in ein noch schlechter entwickeltes Land verlagert oder offizielle Regeln (bekannt als Gesetze) umgeht, indem sie Schummelsoftware nutzt, keine Steuern zahlt oder millionenfach persönliche Daten für fragwürdige Zwecke verkauft.

Schaf oder Regelbrecher?

 

„Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.“ Albert Einstein

 

So lange wir, ohne selbst zu denken, mit der Herde bei diesen Unternehmen auflaufen, wird sich nichts ändern. Wenn die deutschen Autohersteller Rekordumsätze und -gewinne verzeichnen, nach dem größten Betrugsskandal der Geschichte, frage ich mich: Wer kauft diese Autos? Menschen, die selber denken und nicht einfach der Herde folgen, kaufen doch nicht von Betrügern! Oder doch?

 

Wie kann ich von demjenigen ein neues Produkt kaufen, der mir vor ein paar Jahren eines mit Mängeln angedreht hat und mir, statt diese zu beheben, ein neues (nicht unbedingt besseres) Produkt anbietet, für das ich auch noch bezahlen muss? Also ich finde das ziemlich dumm!

 

Genauso dumm wie, sich von amerikanischen Unternehmen verführen zu lassen und zu behaupten, ohne Facebook und Konsorten könnte man den Kontakt zu alten „Freunden“ nicht halten.

Verlogenes System!

 

Weil Unternehmen immer auch Arbeitsplätze bieten, drohen sie gerne mit der Streichung derselben. Ganz ehrlich: Wer einerseits behauptet, es gäbe einen Fachkräftemangel und andererseits befristete Arbeitsverträge abschließt und in Zeiten einer boomenden Wirtschaft Menschen leihweise statt permanent beschäftigt, den nehme ich nicht für voll!

 

Zum Glück gibt es aktuell genügend offene Stellen, sodass das Argument „drohende Arbeitslosigkeit“ ziemlich lächerlich wirkt. Liebe Arbeitnehmer: lasst euch bitte nicht vormachen, ihr wärt auf eure Arbeitgeber angewiesen. Es ist genau umgekehrt!

Wem geben wir Geld, Zeit und Vertrauen?

 

Egal, um welches Thema es sich handelt, man kommt irgendwann an den Punkt, an dem man sich fragt, wer am meisten profitiert.

 

Und das sind fast immer die Unternehmen beziehungsweise diejenigen, denen sie gehören. Nur finanzielle Anreize bringen sie meist dazu, moralisch und nachhaltig zu handeln – im Sinne der Menschen, nicht im Sinne der Rendite!

 

Unterstützen wir als Konsumenten solche Unternehmen, stützen wir das System und verhindern eine positive Entwicklung der Arbeitswelt. Weshalb sollten die Regeln geändert werden, wenn doch alle ohne Murren mitspielen?

 

  • Wie wäre es also, wenn wir mit unseren Kaufentscheidungen beeinflussten, welche Unternehmen zukünftig noch mitspielen?
  • Wählen wir die Anbieter aus, von denen wir wissen, dass sie nicht nur an Profite für die Aktionäre denken, sondern an „People + Planet + Profit“.
  • Führen wir unsere Konten bei den Banken, die keine Waffengeschäfte, Massentierhaltungen, Kohlekraftwerke und andere schmutzige Angelegenheiten finanzieren.
  • Arbeiten wir für diejenigen, die Arbeitsplätze schaffen, die nicht nur dem System dienen, sondern den Menschen.

 

Sorgen wir dafür, dass es mehr Unternehmen gibt, die ihre gesellschaftliche Aufgabe, etwas zu unternehmen, ernst nehmen. Und die für Menschen da sind, die dort ihre Gaben und Talente einsetzen und die Aufgaben erfüllen können, für die sie gedacht und gemacht sind. 

Ich finde, das ist es wert, um dafür wütend zu sein!

 

Deine Kommplizin Gaby Feile

 

PS: Die meisten Regeln, nach denen die Wirtschaft und die Welt funktionieren, wurden übrigens von Männern gemacht.

 

Über die Kommplizin:

Gaby Feile hat nichts gegen sinnvolle Regeln solange sie, wenn nötig, angepasst werden. Und ist sich sicher, dass die Welt eine andere wäre mit Regeln, die weibliche Ansichten mehr berücksichtigen. Im Klub der Kommplizen sorgt sie auch dafür.

Mehr zu Gaby Feile

 

Dieser wütende Artikel ist ein Beitrag zur Blogparade #NewRules – So will ich arbeiten von New Work Women