Teile diese Botschaft mit allen, die sie kennen sollten:

 

Diesen Text habe ich am 4. August 2019 zu schreiben begonnen und zunächst nicht zu Ende gebracht. Ein Datum, das – so scheint es – in einer völlig anderen Zeit liegt.

Das Thema ist so aktuell wie eh und je. Und weil es mich umtreibt – auch dank dieser „neuen“ Zeit, in der wir nun leben – habe ich den Text nun ziemlich genau zwei Jahre später vollendet. Neue Entwicklungen sind eingeflossen, doch der Kern ist geblieben.

 

Spenden Sie!

 

Vor kurzem wurden wir Deutschen dazu aufgefordert, Geld zu spenden für die Menschen, die bei den verheerenden Fluten in Westdeutschland im Juli 2021 ihr Hab und Gut verloren (und manche auch ihre Angehörigen). Viel Geld ist nötig, um den Menschen zu einem Neustart zu verhelfen. Solche Aufrufe sind wir seit langem gewohnt, und bei den routinierten Fernsehsendungen, die solchen Katastrophen oft folgen, kommen in Windeseile ziemlich hohe Beträge zusammen.

 

Was noch nicht so lange bekannt ist, ist die Tatsache, dass wir nicht nur bei Naturkatastrophen wie aktuell dem Erdbeben in Haiti oder bei anhaltenden Nöten in Ländern auf dem afrikanischen Kontinent zum Spenden aufgerufen werden. Nein, in den letzten Jahren kann man buchstäblich für „Hinz und Kuntz“ ein paar Euros oder mehr locker machen, wenn man ihre Mission oder ihre Arbeit unterstützen will.

 

Von Online-Plattformen wie Wikipedia kennen wir es: Regelmäßig einmal pro Jahr werden wir zum Spenden aufgerufen, weil das Aufrechterhalten dieser kostenlos nutzbaren Online-Enzyklopädie eine Menge Geld kostet. Hardware und Speicherplatz sowie IT-Sicherheit gibt es nicht umsonst. Die Beitragenden, also diejenigen die Einträge verfassen und aktuell halten, tun das freiwillig, erhalten also kein Geld sondern finanzieren den tatsächlichen Wert der Plattform mit ihrer Arbeit mit.

 

Gefolgt sind diesem Beispiel große Zeitungsverlage, die ihre hochwertigen Beiträge, mangels stagnierendem oder sinkendem Verkauf ihrer Blätter in der „echten“ Welt, nur noch gegen Bezahlung anbieten können oder wollen. Auch freie Journalist:innen möchten gerne mit ihrer Arbeit Geld verdienen und bieten Gegenleistungen für Spenden an. Tilo Jung vom Kanal Jung & Naiv nennt zum Beispiel die Namen von Spenderinnen und Spendern im Abspann seiner vielgeschauten Videos.

 

Immer mehr neue Modelle, etwa in Form von Genossenschaften oder Kollektiven sind entstanden, die sich am Mitgliedsmodell versuchen oder auf freiwillige Beiträge setzen.

 

Es gibt Nachrichten-Portale, die gegen Bezahlung kuratierte Inhalte anbieten.

 

Es gibt Nachbarschaftsplattformen, die mehr Nähe schaffen und das gerne monetarisieren wollen.

 

Und es gibt Selbständige, die statt Preise zu nennen, lieber auf einen „Wertschätzungsbeitrag“ in bar (ohne Beleg) setzen, wenn sie Coaching, Meditation oder Yoga anbieten.

 

Und dann gibt es noch die Crowdfunding-Idee, mit der Unternehmungen aller Art finanziert werden, und die ebenfalls auf das gute Herz und den offenen Geldbeutel der Fans setzen. Plattformen wie Steady (speziell für Publizierende) oder Patreon (beliebt bei Künstlerinnen und Künstlern), erfreuen sich großer Beliebtheit.

 

Diverse Protestbewegungen finanzieren sich ebenfalls über Spenden, sei es Fridays For Futures, die Querdenker-Initiative oder Einzelpersonen, die sich als „Aufklärer:innen“ sehen und oft viele zahlende Fans haben. Während sie einerseits in kurzer Zeit viel Geld einsammeln, gibt es immer wieder Meldungen über unsaubere Machenschaften, die meist von der Gegenseite stammen.

 

Lohnt sich das?

 

Ich habe gegen all das rein gar nichts einzuwenden. Solche Modelle sind genauso legitim wie Empfehlungsmarketing oder Online-Werbung. Das direkte Anfragen ist wenigstens ehrlich und man weiß, worum es geht. Wer spendet, tut das freiwillig.

 

Außerdem wird so den Nutzenden hoffentlich klarer, dass hinter all den vermeintlich kostenfreien Angeboten im Internet, Arbeit steckt, die von echten Menschen gemacht wird, die – genau wie sie – monatlich Ausgaben für Wohnen, Essen, Gesundheit, Bildung und noch ein paar Vergnügungen decken wollen und müssen.

 

Aber: Rechnet sich das? Und für wen? Wenn ich all die Anfragen, die ich in manchen Wochen gesehen habe, wahrgenommen hätte, die mir sagten: Mit „nur“ 3 Euro pro Monat kannst du unsere Arbeit unterstützen, käme ich locker auf mehrere Hundert Euro, die ich nur für die Unterstützung der Arbeit von anderen ausgebe. Und da sind Spenden, für die es eine Quittung gibt, noch gar nicht dabei.

 

Ich habe immer wieder Geld gespendet für ganz unterschiedliche Angebote. Und ich fühlte mich gut dabei. Doch auf die Idee, für meine eigene Arbeit Spenden zu generieren, bin ich lange nicht gekommen. Erst als im Jahr 2020 das C-Virus alles durcheinander brachte – auch meine Pläne, mit einem Start-Up endlich Umsätze zu generieren, die meine Arbeit und die meiner Mitschaffenden honoriert – dachte ich anders.

 

Während ich weitreichende Entscheidungen traf, die Arbeit von vier Jahren fast komplett verwarf und versuchte, so schnell wie möglich ein neues Angebot zu entwickeln, das sich bezahlt macht, folgte ich einem Impuls und integrierte einen Spenden-Button von PayPal auf der Website des Klub der Kommplizen und in meinem Newsletter, der Kommplizen-Post. Und siehe da: Gleich bei der ersten Erwähnung spendeten ein paar langjährige Fans zumindest so viel, dass es für ein Bahnticket reichte.

 

Im Laufe der nächsten sechs Monate kamen vereinzelt Unterstützungen in diverser Höhe bei mir an. Doch sie reichten bei Weitem nicht, um davon mehr als ein paar laufende geschäftliche Kosten zu decken. Und außerdem wurde mir endgültig klar: Auch wer Spenden sammeln will, muss sein Angebot den Menschen schmackhaft machen, es also verkaufen.

 

Bitte keine Spende!

 

Es war schon 2021, als ich den Button überall entfernte, wo ich ihn ein paar Monate früher eingefügt hatte. Den letzten Ausschlag dazu gab eine knallharte Aussage in einer E-Mail von Walter Epp, erfolgreicher Betreiber von Schreibsuchti.de. Sinngemäß sagte er: Wer um Spenden bettelt, begibt sich in die Opferhaltung. Wer Menschen wirklich überzeugen und unterstützen will, der sollte sie lieber selbstbewusst führen. Das ist es, was sie wirklich wollen.

 

Ich schluckte kurz, als ich das las, denn ich fühlte mich ertappt. Und dann gab ich die Opferhaltung auf. Einfach so und ganz schnell.

 

Wie kam es überhaupt soweit?

 

Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf das Zeitungsgeschäft. Ziemlich von Beginn an, sah das Geschäftsmodell von gedruckten Zeitungen so aus, dass die Leserschaft für eine einzelne Ausgabe oder ein Abonnement bezahlte. Wenig zwar, aber immerhin. Die Kosten, die bei der Produktion einer Zeitung anfallen, ließen sich damit allerdings nicht decken. Also schufen die Zeitungen Platz für Anzeigen, sowohl private als auch geschäftliche. Vor allem letztere waren es, die Zeitungen, Zeitschriften und Magazine viele Jahrzehnte lang finanzierten.

 

Seit dem Einzug des Internets bieten sich Unternehmen und Privatleuten Alternativen zu einer teuren Print-Anzeige. Sie inserieren stattdessen auf großen Webseiten und werben zunehmend auf Plattformen wie Facebook und Google – auch dank geringerer Streuverluste. Für Kleinanzeigen gibt es online unzählige Möglichkeiten, die oft außer Zeit und Aufwand für das eigenhändige Hochladen, keinen Cent kosten. Pionierin dafür war die Seite Craig’s List, die den großen US-Blättern plötzlich satte Konkurrenz machte.

 

Für Leserinnen und Leser bringt das Internet ebenfalls eine Änderung: Informationen können auf einmal jederzeit online gefunden und konsumiert werden, es gibt Blogs und private Nachrichtenseiten, wo sich alles, was die Welt bewegte, nachlesen lässt, oft ohne Qualitäts- oder Zeitverlust und aus einer neuen Perspektive.

 

Jede, die will, kann Informationen veröffentlichen und immer mehr tun das so gut, dass den Lesenden nicht auffällt, dass sie keine Profis sind. „Gerade weil die nicht-professionelle Textproduktion oft von so hoher Qualität ist, kann das zu einem Missverständnis über den Wert professioneller Texte führen“, schreibt Johannes Franzen hier auf 54books.de, einem Online-Magazin, das sich, man ahnt es, über ein Spendenmodell finanziert. Franzen führt aus, dass den Menschen, die Texte kostenfrei lesen, nicht bewusst ist, wie viel Arbeit es macht, einen Text zu schreiben.

 

Aus eigener Erfahrung weiß ich: So etwas fließt nicht einfach in die Tastatur oder wird diktiert, das ist ein umfassendes Handwerk, das weit vor und nach dem eigentlichen Schreiben beginnt und endet. Zeitdruck, Geldsorgen oder fehlende interne Ressourcen (zum Beispiel fürs finale Korrigieren von Texten) tragen nicht gerade dazu bei, einen Text in der bestmöglichen Version abzuliefern.

 

All das können Leser:innen nicht unbedingt wissen, genauso wenig wie ihnen oft klar ist, dass sie mit dem Kauf einer Zeitung gar nicht die Inhalte finanzieren, sondern dass dies andere tun, nämlich die, die Anzeigen dort schalten, um sie, die Lesenden, zu erreichen. Sie waren schon immer das Produkt, nicht die Kunden.

 

Zur Erinnerung: Wenn etwas kein Geld kostet, wird meistens etwas anderes fällig: Daten, die wieder in Geld verwandelt werden.

 

Oder der Anteil an Werbung, die man mitkonsumieren muss, ist extrem hoch.

 

Ergänzung 29. August 2021, Johannes Franzen (aka @johannes42) schrieb vor kurzem auf Twitter:

 

 

Wieso, Weshalb, Warum

 

Als ich den ersten Impuls zu diesem Text hatte, trieben mich große Fragen um, wie zum Beispiel:

  • Was sagt diese Entwicklung über unser Wirtschaftssystem aus?
  • Warum funktionieren altbekannte Methoden nicht mehr?
  • Wieso haben Investoren und Investorinnen nur wenig Interesse, in die vielen kleinen aber großartigen Ideen zu investieren?
  • Woher kommt der Widerwille von Privatleuten, für Angebote, die es online gibt, einen angemessenen Preis (oder überhaupt einen Preis) zu bezahlen?
  • Was sagt das über Wert und Prioritäten aus, und was über uns Konsumierende?
  • Warum kommt kein Automobilhersteller auf die Idee, sich seine Produkte „freiwillig“ bezahlen zu lassen, sondern hauptsächlich diejenigen, die „Immaterielles“ zu bieten haben?
  • Wenn wir, die wir geistige oder soziale Arbeit tun, für unsere Arbeit Spenden sammeln müssen, welche Art von Arbeit tun wir denn dann wirklich?
  • Gibt es einen Weg aus dem Dilemma?
  • Steuert das auf ein bedingungsloses Grundeinkommen zu – oder eher auf das Gegenteil?

 

Wie lässt sich etwas ändern?

 

Die Plattform piqd.de ist dafür angetreten, allen Mitgliedern eine variantenreiche Auswahl an hochwertigen und handverlesenen Inhalten zu bieten, die bezahlte Kuratorinnen und Kuratoren (meist sind diese Mitglied der Journaille) auswählen und empfehlen. Später wurde die Möglichkeit des Kuratierens auch der Community ermöglicht, die dafür zwar nicht bezahlt wird, jedoch Punkte sammeln kann, die sie zum Beispiel in Bücher eintauschen kann.

 

Auch piqd.de startete als kostenfreie Plattform, die sich über Einzelspenden oder Mitgliedschaften finanzieren wollte. Wie Geschäftsführer Markus von Jordan mir verriet, trauten sie sich beim Start eine „harte“ Paywall noch nicht zu.

 

Eine Weile ging das wohl gut, doch Ende 2020 erhielten alle, die (zahlendes oder nicht zahlendes) Mitglied waren, eine Information, dass die Rechnung nicht mehr aufging. Die kostenfreie Konkurrenz sorgte mit dafür, dass das Angebot am Markt nicht als zwingend genug angesehen wurde, so sieht es von Jordan rückblickend. Wer also weiterhin dabei bleiben wollte, würde um das Bezahlen eines regelmäßigen – und ehrlich gesagt: sehr günstigen – Betrages nicht herumkommen. Sollte jemand den Mindestbetrag von 3 Euro pro Monat nicht aufbringen können, versprach man, eine Lösung zu finden.

 

Mit der Bezahlung gibt es natürlich ein paar Vorteile: Die Nutzung der Plattform bleibt weiterhin sehr komfortabel und alle Inhalte können direkt eingesehen werden. So genannte Service Piqs sind ebenfalls nur für Zahlende zugänglich. Zukünftig wird es außerdem originäre Inhalte geben, die also exklusiv bei piqd.de veröffentlicht werden.

 

Eine „weiche“ Paywall nennt das der Geschäftsführer. Das Positive: Relativ viele Nutzende fingen an, zu bezahlen, einige zeigten das auch öffentlich und andere zogen nach. Kontinuierlich, wenn auch langsam, wächst die Zahl derer, die für das Angebot regelmäßig bezahlen. Und der Nutzerschwund durch die Umstellung ist kaum spürbar.

 

„Wir hätten das früher machen sollen“, erkennt Markus von Jordan und erklärt, dass dank der Zugehörigkeit zur August Schwingenstein Stiftung die Gemeinnützigkeit gegeben ist, was es erleichtern dürfte, die Finanzierung für die Zukunft zu sichern.

 

Ich entschied mich übrigens auch für eine bezahlte Mitgliedschaft und habe es bis heute nicht bereut.

 

Es geht um Alles oder Nichts

 

Die Schere zwischen Arm und Reich wird auch deshalb immer größer, weil die Entlohnung für Arbeit nicht stimmig und ausgeglichen ist. Und: Nach wie vor muss Erwerbseinkommen meist höher versteuert werden, als Einkommen aus Vermögen.

 

In diesen Zeiten, die alles, was bisher „richtig“ erschien, in Frage stellen, ist es also wichtig und nötig, große Fragen zu stellen. Und Antworten zu finden.

 

Ich stelle zum Beispiel diese Fragen:

 

  • Kann ein Wirtschaftssystem, das Arbeit ungleich bewertet und entlohnt, ein sozial gerechtes System sein?
  • Woher nehmen wir uns das Recht, Arbeit mit, an und für Menschen niedriger zu bewerten, als Arbeit mit, an und für Maschinen?
  • Woher kommt die Gier wirklich, die reiche Menschen dazu treibt, auf Kosten anderer Menschen und der Natur noch reicher werden zu wollen?
  • Wie kann es sein, dass Menschen für elektronische Geräte, die in China hergestellt werden, unter nicht unbedingt menschenwürdigen Bedingungen, gerne vierstellige Summen ausgeben, aber für geistige Arbeit nicht bereit sind 1 Euro zu bezahlen?
  • Warum werden Jobs bei Waffenproduzenten großzügig entlohnt, während Menschen, die in der Pflege arbeiten kaum von ihrem Lohn leben können und sich über den Applaus der Öffentlichkeit folglich nur wenig freuen?
  • Wieso sind Menschen bereit, privaten Bewegungen, die sich zum Widerstand zählen, Geld zu spenden, aber nicht bereit, mehr Steuern für das Wohlbefinden der Allgemeinheit zu bezahlen?
  • Weshalb geben Menschen Geld aus für Materielles, finden es jedoch überteuert, für alles, was ihnen selbst gesundheitlich, seelisch, geistig und körperlich gut tun, einen angemessenen Preis zu bezahlen?
  • Wie kommt es, dass wir das so hinnehmen?

 

Ist es nicht so, dass entweder ALLES oder NICHTS Geld kosten muss, damit die Rechnung für ALLE aufgeht?

 

Falls du weitere Fragen hast, deinen Blickwinkel ergänzen willst oder Antworten beisteuern möchtest, tue das gerne in den Kommentaren am Ende dieses Beitrages. Vielen Dank.

 

Gabriele

Gabriele Feile fliegt und nimmt von dort oben große Zusammenhänge intensiv wahr. Sie sagt, was zu sagen ist und was gehört gehört.

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